15.01.2026

Die Transformation der Gasinfrastruktur

Die Transformation der Gasinfrastruktur hin zu Grünen Gasen ist ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einer klimaneutralen Energieversorgung. Sie erfordert gezielte Investitionen, technologische Innovationen und regulatorische Anpassungen, um bestehende Systeme zukunftsfähig zu machen. Die Transformation vollzieht sich dabei sowohl auf europäischer Ebene als auch auf lokaler und regionaler Ebene – denn nur im Zusammenspiel kann eine integrierte Gasinfrastruktur entstehen.
Der ÖVGW-Kongress 2025 in Graz bot Einblicke in verschiedene Aspekte und bereits laufende Projekte der Transformation. Von geänderten Importstrukturen über neue Technologien bis hin zu konkreten Pilotprojekten auf lokaler Ebene zeigt sich: Die Gasinfrastruktur befindet sich im Wandel.

Neue Versorgungsrouten im europäischen Gasmarkt

Seit dem Wegfall von russischen Gasimporten haben sich die Gasflüsse in Europa grundlegend verändert. Österreich bezieht mittlerweile seine LNG-Importe primär über Korridore aus Deutschland und Italien, um sowohl den Gasbedarf während der Heizperioden zu decken als auch die Gasspeicher zu füllen. Weitere Maßnahmen, wie die Beseitigung bestehender innereuropäischer Netzengpässe – etwa im innerdeutschen Transportnetz oder durch den Ausbau des WAG Loop 1 in Österreich – sind in Arbeit. EU-weit sind für den Ausstieg mehrere realistische Rahmenbedingungen zu berücksichtigen: der tatsächliche Ausbau globaler LNG-Produktionskapazitäten, die Erschließung regionaler Gasvorkommen, wie etwa des Neptun-Deep-Feldes im Schwarzen Meer, sowie die tatsächliche Beseitigung der bestehenden West-Ost-Kapazitätsengpässe. Doch der Umbau europäischer Import- und Transportstrukturen ist nur ein Teil der Transformation – auch innerhalb der nationalen Netze braucht es neue Ansätze und Technologien.

Mag. Markus Krug (E-Control) referierte über die Infrastrukturaktivitäten der vergangenen Jahre.

Vielfalt als Schlüssel zur Gas-Transformation in der Pipeline

Auch in der Pipeline vollzieht sich der Wandel zu einem erneuerbaren, resilienten und kosteneffizienten Energiesystem. Dabei gibt es keine „One-size-fits-all“-Lösung – es braucht einen intelligenten Mix aus grünem Wasserstoff, Biomethan sowie Technologien wie Carbon Capture Usage and Storage (CCUS). Auf politischer Ebene befindet sich die gesetzliche Basis für diese Entwicklung mit unterschiedlichen Prioritäten in Arbeit. Dennoch laufen bereits erste Zukunftsprojekte: Die H2-Roadmap ebnet den Weg für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur, während Projekte wie HyBS (Hydrogen Blending Simulation) gewinnbringende Erkenntnisse über die Beimischung von Wasserstoff ins bestehende Gasnetz liefern. Auch innovative Modelle wie reGPA (renewable Gas Purchase Agreement) schaffen neue, marktorientierte Anreize zur Förderung erneuerbarer Gase.

DI Helmut Wernhart (AGGM) gab Einblicke in die Energiewende in der Pipeline.

Transformation der Verteilnetze mittels flexibler Lösungen

Auch auf Netzebene 3 ist eine Transformation zu vollziehen. Trotz des Rückgangs der Zählpunkte um 2,9 % im Jahr 2023 wird es auch langfristig Gaskundinnen und -kunden geben. Während in Neubauten meist auf Wärmepumpen gesetzt wird und urbane Räume über Fernwärme dekarbonisiert werden, bleiben Grüne Gase in ländlichen Gebieten mit bestehender Gasinfrastruktur oft die praktikabelste Lösung. Sinkende Mengen führen jedoch zu steigenden spezifischen Netztarifen, was die Wirtschaftlichkeit unter Druck setzt. Angesichts der hohen Heterogenität der Verteilnetze braucht es eine flexible regulatorische „Toolbox“. Diese muss u. a. unterschiedliche Abschreibungsmodelle, Ansparlösungen, Rechtsrahmen für Stilllegung oder Fortführung sowie tragfähige Netztarifmodelle ermöglichen, um die Transformation wirtschaftlich und sozial verträglich zu gestalten. Erste Anwendungen im Netzbetrieb zeigen, dass Innovation und Emissionseinsparung hier Hand in Hand gehen.

DI (FH) Manfred Pachernegg (Energienetze Steiermark) berichtete über die Transformation der Gasnetze.

Pionierprojekte im Netzbetrieb zur Emissionsreduktion

Die Wiener Netze und die Energienetze Steiermark setzen neue Maßstäbe bei der Reduktion der CO₂-Emissionen im Netzbetrieb. In Bruck an der Mur und in der Wiener Kernzone (Simmering) werden Gasdruckregelanlagen modernisiert, um Erdgas einzusparen und Emissionen deutlich zu senken. Erstmals in Österreich kommt dabei eine Kombination aus Expansionsturbine und elektrischer Wärmepumpe zum Einsatz. Anstelle eines herkömmlichen Gasheizkessels wird das bei der Druckreduzierung entstehende Kältepotenzial (Joule-Thomson-Effekt) durch eine Wärmepumpe kompensiert, die mit dem Strom aus der Expansionsturbine betrieben wird. Diese innovative Lösung erzeugt Strom, senkt den externen Energiebedarf und reduziert die CO₂-Emissionen an beiden Standorten um insgesamt rund 800 Tonnen jährlich. Die technische Umrüstung allein reicht jedoch nicht aus.

DI Rene Pollaschak, BSc MSc (Wiener Netze) und Kevin Lechner, MSc (Energienetze Steiermark) präsentierten Erkenntnisse der Machbarkeitsstudie zur Entspannungsturbine.
DI Rene Pollaschak

Gabersdorf als Modellregion für die Einspeisung Grüner Gase

Wie verschiedene erneuerbare Gase effizient in das bestehende Netz eingespeist werden können, wird in Gabersdorf untersucht. Hier entsteht eine neue Gasdruckregelanlage samt Leitungsinfrastruktur, um Wasserstoff, methanisiertes Gas und aufbereitetes Biogas effizient ins Netz einzuspeisen. Die Elektrolyseabwärme wird darüber hinaus zur Gasvorwärmung benutzt. Mit der geplanten Integration des Projektes HyGrid wird erprobt, wie bestehende Erdgasleitungen für den Wasserstofftransport genutzt werden können. Herausforderungen wie begrenzte Flächen, technische Anpassungen oder fehlende rechtliche Klarheit (z. B. GWG, EGG, GMMO-VO) verdeutlichen den Bedarf an klaren Rahmenbedingungen. Gabersdorf steht exemplarisch für eine erfolgreiche sektorübergreifende Planung und enge Zusammenarbeit aller Akteure.

DI Dr.techn. Stefan Sturm (Energienetze Steiermark) veranschaulichte die Einspeisung erneuerbarer Gase am Beispiel Gabersdorf.
Energie Steiermark

Gemeinsamer Weg in die Zukunft

Die Beispiele aus Praxis und Planung zeigen: Die Transformation der Gasinfrastruktur ist machbar – wenn Technik, Politik und Markt gemeinsam an einem Strang ziehen.